martinhartwig.de

 

 

 

aktuell

Home

Archiv

Vita

Links

Kontakt

ZUNÄCHST DIE TAGESPAROLE

Die Rundfunkarbeitsbesprechungen des Propagandaministeriums

von Martin Hartwig

UNKORRIGIERTES MANUSKRIPT


COPYRIGHT

Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt. Der Empfänger darf es nur zu privaten Zwecken benutzen. Jede andere Verwendung (z.B. Mitteilung, Vortrag oder Aufführung in der Öffentlichkeit, Vervielfältigung, Bearbeitung, Übersetzung) ist nur mit Zustimmung des Autors zulässig. Die Verwendung zu Rundfunkzwecken bedarf der Genehmigung des DeutschlandRadios.

 


Regie: Sendezeichen / Musik: Instrumentalphrase von „Kauf dir einen bunten Luftballon“

O-Ton: (Fritzsche)

Dann hab ich neulich hier aus einem Wust von Hörerbriefen vorgelesen: Proteste gegen solche Schlager wie die „Kauf Dir einen bunten Luftballon“. Ich hab jetzt diese Schlager bekommen und muss sagen: Ich find sie reizend. Also, wer ein bisschen ein Gefühl für Humor hat, nicht wahr, der muss wirklich ein Idiot sein. Wirklich blöd ist das, daran was zu kritisieren. Es ist wirklich ein reizendes kleines, Lied.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Als du noch klein warst, denk nur zurück,

war so ein Luftballon dein höchstes Glück.

Siehst du heut einen im Winde wehen,

sollst du nicht achtlos daran vorüber gehen.

 

Na, das ist doch ein netter Rat, also.

 

Drum kauf dir einen bunten Luftballon,

nimm ihn fest in deine Hand,

stell dir vor, er fliegt mit dir davon,

in ein fernes Märchenland.

 

Ansage:
Zunächst die Tagesparole
Die Rundfunkarbeitsbesprechungen des Propagandaministeriums
Ein Feature von Martin Hartwig

 

O-Ton:

Kauf dir einen bunten Luftballon,
hellblau, lila oder grün.

Und er wird dich, eh du es denkst,
in das Land der Träume ziehn“

 

Offenbar manche Hörer nicht (Gelächter), aber andere eben doch.

 

Sprecher:

Mitunter ging es auch heiter zu bei den Rundfunkarbeitsbesprechungen – zumindest dann, wenn sie unter der Leitung von Hans Fritzsche standen. Fritzsche war eine der bekanntesten Stimmen des nationalsozialistischen Deutschlands, vor allem durch seine Politische Zeitungs- und Rundfunkschau, die jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag im "Großdeutschen Rundfunk" lief.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Übrig geblieben ist das, was wir sind, was wir selber sind. Und das, was wir sind, das sind wir ganz. Wir sind fanatische Vertreter der Überzeugung, dass in unseren Händen die geheimnisvolle Lösung liegt für die Probleme des nationalen und des internationalen Zusammenlebens, die in den letzten Jahrhunderten mit so viel Hass und so viel Blut, mit so viel Tapferkeit und so viel Leidenschaft nicht gelöst werden konnten.

 

Sprecher:

Fritzsche am 28.4.1945 – wenige Tage vor Kriegsende. Bis zum bitteren Ende wurde aus einem Bunker in Berlin Programm gemacht.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Ich weiß nicht, ob die Stimme aus dem Kampflärm Berlins noch in den Äther dringt. Aber ich weiß, dass der Geist, in dem dieser Kampf geführt wird, in dieser Welt nicht verschwinden wird.


Sprecher:

Ein gutes halbes Jahr später fand sich Fritzsche als einer der Hauptangeklagten im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess wieder. Ihm wurden die Anklagepunkte Eins, Drei und Vier zur Last gelegt: Verschwörung gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.


O-Ton: (Nürnberg)

Hans Fritzsche. Dieser Anklage gegenüber nicht schuldig.

Sprecher:
Fritzsche saß stellvertretend für Goebbels, der sich umgebracht hatte, auf der Anklagebank. Dabei war er nicht einmal der ranghöchste Propagandist, der greifbar gewesen wäre. Sein Vorgesetzter, der frühere Reichspressechef Otto Dietrich, befand sich in amerikanischer Haft. Fritzsche hingegen war einer der prominentesten Gefangenen der Sowjetunion - und die wollte ihn unbedingt angeklagt sehen.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Ich befinde mich in dieser Lage des Getäuschten, zusammen mit vielen, vielen anderen Deutschen, von denen die Anklage sagt, sie hätten das, was geschah, erkennen können aus rauchenden Schornsteinen in Konzentrationslagern oder aus dem bloßen Anblick von Häftlingen und so weiter.

 

Sprecher:

Fünf Jahre zuvor hatte Fritzsche durchaus eine Ahnung davon, was mit der jüdischen Bevölkerung geschehen könnte, und teilte dies in einer Hetzrede gegen den französischen Innenminister George Mandel Millionen von Hörern mit.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Mandel weiß, dass eine Beendigung des Krieges ohne Sieg Frankreichs für ihn und seine Rassegenossen die Vernichtung bedeutet. Darum ist dieser Jude bereit, alles einzusetzen für die Rettung der jüdischen Plutokratie ohne Rücksicht auf das französische Volk.

 

Sprecher:

Hans Fritzsche, im Jahr 1900 in Bochum geboren, gehörte zu den sogenannten „Märzgefallenen“. So nannte der Volksmund diejenigen, die unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im März 1933 in die NSDAP eintraten. Seine Gesinnung musste Fritzsche dabei allerdings nicht wechseln. Er hatte zuvor als Journalist für die ultranationalen und antidemokratischen Zeitungen des Hugenbergkonzerns geschrieben und war Goebbels schon damals als „guter Mann“ aufgefallen.

 

O-Ton: Senderkennung

 

Sprecher:

1932 kam Fritzsche zum Rundfunk und avancierte zum Leiter des „Drahtlosen Dienstes“, einer Art staatlich kontrollierten Nachrichtenagentur, die sämtliche Sender des Reiches mit Nachrichten versorgte. Zu dieser Zeit begann er auch mit seinen Rundfunkkommentaren. Der „Drahtlose Dienst“ war nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten dem Propagandaministerium angegliedert worden, in dessen Apparat Fritzsche Karriere machte. Von 1938-1942 leitete er die Abteilung „Deutsche Presse“ des Ministeriums. Deren Hauptaufgabe war die Kontrolle und Beeinflussung der 2.300 deutschen Zeitungen im Sinne des Naziregimes. Im November 1942 wurde Fritzsche, der sich auf allen Posten bewährt hatte, dann „Leiter der Rundfunkabteilung im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“. Und in dieser Funktion leitete er die Rundfunkarbeitsbesprechungen, wie etwa die vom 2. Januar 1943.

O-Ton: (Fritzsche)

Meine Herren. Ich muss noch einen technischen Vorgang zur Sprache bringen. Am 1. Januar ereignete es sich, dass um 14 Uhr der Wehrmachtsbericht noch nicht da war. Alles wartet also darauf, das ist ja häufig der Fall, dass er um 15 Uhr gegeben wird. Um 15 Uhr ertönt plötzlich die Stimme des Ansagers mit der Mitteilung, dass er auch um 15 Uhr nicht gegeben werden könne, aber voraussichtlich dann um 17 Uhr gegeben wird.

 

Sprecher:

Fritzsche zieht eine erste Bilanz des Feiertagsprogramms.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Was ist die Folge an einem solchen Tag, an dem nun keine Zeitungen gekommen sind, an dem unendlich viele Leute Zeit haben, über alles Mögliche nachzudenken? Millionen von Menschen sagen sich: Na ja, dass er um Zwei nicht gekommen ist, sondern dass er um Drei kam, das ist etwas Übliches. Dass er aber um Drei nicht kommt, sondern erst um Fünf kommen soll, vielleicht. Das ist der Beweis, dass etwas ganz Ungewöhnliches vor sich gegangen ist, also entweder hat die Invasion begonnen oder ... Das haben nun wahrscheinlich viele gedacht. Es ist der 1. Januar, das ist ein Einschnitt. Die Vergeltung hat angefangen, und nun will man uns wahrscheinlich erst ein paar Stunden später sagen, was denn nun eigentlich hingehauen hat.

 

Sprecher:

Warum der Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht, der jeden Tag mehrfach im Rundfunk verlesen wurde, am Neujahrstag 1943 so verspätet eintraf, ist unbekannt. Die Feiertage waren relativ ruhig gewesen, es lagen keine besonderen Kriegsereignisse vor. Die 6. Armee war in Stalingrad eingekesselt, ohne dass sich eine Bewegung in irgendeine Richtung abzeichnete, Rommel und sein Korps entzogen sich in Afrika den englischen Truppen, und zwischen Weihnachten und Neujahr hatte es kaum Angriffe auf deutsche Städte gegeben.

 

Zitator:

Das diesjährige Weihnachtsfest ist zu friedlich und zu fett gewesen. Wenn es den Menschen zu gut geht, dann handeln sie wie der Esel, der auch aufs Eis geht, wenn es ihm zu wohl wird.

 

Sprecher:

... notierte Fritzsches Vorgesetzter und Mentor Josef Goebbels für den 31. Januar in sein Tagebuch.

………………

O-Ton: (Ringruf)

Wir bitten euch Kameraden jetzt, noch einmal in das schöne, alte deutsche Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“ einzustimmen. GESANG

Sprecher:

Zwar wurden im Laufe der Heiligabendsendung 1942 tatsächlich Schaltungen zur Front gemacht, das gemeinsam gesungene Lied war jedoch, wie man heute weiß, eine im Funkhaus an der Masurenallee produzierte Fälschung. Was Goebbels'
Zufriedenheit mit dem Feiertagsprogramm keinen Abbruch tat:

 

Zitator:

Der Rundfunk hat ein großartiges Unterhaltungs- und Erbauungsprogramm aufgestellt.

 

Sprecher:

Dementsprechend wurde auf der ersten Rundfunkarbeitsbesprechung im Jahr 1943 nur moderate Kritik am gesendeten Programm geübt, und auch die Vorgaben für den Tag waren nicht sehr umfangreich.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Dann diese Sache mit Paris. Wenn wir da erst sagen, hat ungeheure Verluste, die Bevölkerung in Paris, und dann nachher mit 245 Toten kommen, wo es deutsche Großstädte gibt, die 30.000 und mehr Tote in einer Woche haben opfern müssen, dann ist das natürlich keine Unterlage.


O-Ton: (Diller)

Das waren Veranstaltungen, um das Programm vorzubereiten, um Manöverkritik zu üben, die propagandistischen Tendenzen festzulegen, festzulegen, welche der Mitarbeiter für welche Themen zuständig sein sollten, und das wurde breit diskutiert.

 

Sprecher:

Ansgar Diller, Historiker beim Deutschen Rundfunkarchiv. Im Keller des DRA in Frankfurt am Main liegen Bänder, die knapp 200 dieser Sitzungen akustisch dokumentieren - zumeist Umschnitte der Original-Wachsplatten, mit denen rundfunkintern neben der sich in den letzten Kriegsjahren etablierenden Magnetband-Technik aufgezeichnet wurde.    

 

O-Ton: (Diller)

Dieser Bestand hat sich mit Sicherheit 1945, als die Russen das Funkhaus in der Masurenallee in Berlin in Besitz genommen haben, im dortigen Archiv befunden und ist dann mit dem Umzug des Rundfunks der DDR von der Masurenallee, also aus den Westsektoren in den Ostsektor, in Berlin gewandert und war dort im Archiv des DDR-Rundfunks verwahrt und ist eigentlich erst nach der Wende für die Benutzung freigegeben worden.

 

Sprecher:

Viel Beachtung haben diese Aufnahmen seitdem nicht gefunden – wohl vor allem deshalb, weil noch kein Katalog zu diesem Bestand existiert. Dabei ist das Material sehr gut erschlossen. Ein großer Teil wurde von den Archivaren des DDR-Rundfunks komplett transkribiert - jedoch nie veröffentlicht.

 

O-Ton: (Diller)

Vermutlich aus der Furcht heraus, dass man Analogien zur Propaganda der DDR ziehen könnte oder zur Propaganda der anderen sozialistischen Länder.

 

Sprecher:

Die Mitschnitte der Sitzungen dokumentieren das Alltagsgeschäft der Rundfunkpropaganda: oft banal, immer bürokratisch, meistens sachlich und im Kern kriegerisch und rassistisch.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Dann ist der Reinhardt, der Theater-Jude Reinhardt, gestorben. Die Meldung darüber auf Auslandsagenturen von heute, Blatt 2: Ich bitte, dem nicht noch ein paar Steine ins Grab nachzuwerfen, das hat keinen Zweck; man kann das zur Kenntnis nehmen, im deutschen Dienst übrigens nicht, dann regen sich so viele Leute auf, aber im Ausland können wir die Tatsache ja kurz melden.

 

Sprecher:

Die Aufnahmen im DRA erstrecken sich über den Zeitraum vom 2. Januar 1943 bis zum 19. März 1945. Sehr dicht, mit beinahe täglichen Mitschnitten, sind Herbst und Winter 43 vertreten sowie die ersten drei Monate des Jahres 1945. Dazwischen gibt es allerdings erhebliche Lücken. So ist die ganze Entwicklung der Schlacht um Stalingrad nicht vorhanden, und auch das erste Halbjahr 1944 fehlt komplett.



O-Ton: (Fritzsche Sitzung 4.11.43) 

Gemurmel, Fritzsche „Meine Herren, zunächst die Tagesparole. Erstens.“

 

Sprecher:

Mit dieser Floskel begannen, nachdem sich alle gesetzt hatten und einige persönliche Bemerkungen ausgetauscht waren, die Sitzungen im Regelfall.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Der erneute Terrorangriff auf den Kölner Dom ist besonders stark zu geißeln. Materialhinweise brauche ich heute nicht zu formulieren. Ich gebe sie gleich noch.

 

Sprecher:

Die Tagesparole, die meistens drei bis vier Punkte umfasste, wurde langsam - zum Mitschreiben - vorgelesen. Sie zu vermitteln, war der Hauptzweck der Sitzung, denn die Adressaten saßen nicht nur mit Fritzsche im Konferenzraum des Propagandaministeriums. Er wandte sich auch an die verantwortlichen Redakteure im Funkhaus Masurenallee, wo das Reichsprogramm gemacht wurde, und an die Mitarbeiter in Königswusterhausen bei Berlin, wo die ausgelagerten Überseesender in 31 Sprachen Kurzwellenprogramme für die ganze Welt produzierten. Zu beiden Einrichtungen wurden diese Sitzungen per Leitung übertragen. In der Masurenallee wurden sie mitgeschnitten - vermutlich zu Protokollzwecken.

 

O-Ton: (Fritzsche)

In den Auslandsdiensten ist nicht gegen die englische Behauptung vom Überschreiten der polnischen Grenze durch die Sowjets zu polemisieren. Dagegen kann in den Auslandsdiensten hieran die Frage geknüpft werden, was geschähe, wenn die Bolschewisten die Reichsgrenze oder gar die französische Grenze überschritten.

 

Sprecher:

Das Mikrophon war auf den Leiter der Sitzung gerichtet, im Regelfall Hans Fritzsche. Wortmeldungen der übrigen Teilnehmer sind daher akustisch kaum verständlich. Es ist schwer zu klären, wer überhaupt anwesend war. Gelegentlich spricht Fritzsche Mitarbeiter aus seinem eigenen Ministerium an. In jedem Fall war immer ein Vertreter der Wehrmacht dabei.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Meine Herren. Wir haben die Freude, heute bei uns Oberstleutnant Overneck zu sehen vom Luftwaffenführungsstab, der unter Umständen bereit ist, auf ein paar sehr indiskrete Fragen zu antworten, die wir ihm vorgelegt haben. Vielleicht können wir das Mikrophon aber ausschalten.

 

Sprecher:

Neben Mitarbeitern aus dem Propagandaministerium und dem Vertreter der Wehrmacht waren im Regelfall noch einige leitende Rundfunkleute mit Fritzsche im Raum, die ohnehin im Propagandaministerium waren, weil sie an zwei anderen Vormittagssitzungen, die dort regelmäßig stattfanden, teilnahmen. Täglich um 11 Uhr hielt Goebbels in seinem Ministerium eine Konferenz ab, auf der er die Vertreter verschiedenster Ministerien, der Partei, der Wehrmacht und Mitarbeiter von Funk, Film und Presse auf die jeweils aktuelle Linie der Propaganda einschwor.

 

Sprecher:

Es gab jedoch noch eine konkurrierende Veranstaltung, direkt im Anschluss und im selben Gebäude. Die „Tagesparolenkonferenz des Reichspressechefs“, die von 11.30 bis 12.00 Uhr stattfand. Leiter dieser Konferenz war Otto Dietrich - Pressechef der Reichsregierung, Pressechef der NSDAP, Staatsekretär im Propagandaministerium und vor allem Gegenspieler von Goebbels in den internen Auseinandersetzungen um die richtige Propaganda. An dieser Tagesparolen-Konferenz nahmen oft dieselben Leute teil, die zuvor schon bei Goebbels waren. Hier wurden die Sprachregelungen getroffen und festgelegt, welche Ereignisse groß, welche klein geredet und welche gar nicht erwähnt werden sollten. In enger Abstimmung mit dem Führerhauptquartier entstand so die Tagesparole. Sie war, sehr zum Ärger von Goebbels, die bindende Regelung für den jeweiligen Tag. Da Fritzsche ein Protegé von Goebbels war – im Ministerium nannte man ihn „His master’s voice“ - wurden die Tagesparolen bei den anschließenden Rundfunkarbeitsbesprechungen aber immerhin im Sinne des Propagandaministers interpretiert. Das Jahr 1943 stand im Zeichen der Umorientierung der Propaganda. Man hatte Lehren aus den verfrühten Siegesmeldungen der ersten Kriegsjahre gezogen.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Wir malen, um es auf einen primitiven Nenner zu bringen, die Dinge im Osten schwarz in schwarz. Wir malen sie ganz dunkel, im Ausland und im Inland nehmen wir nur die hellen Lichter, die wir eben mit Rücksicht auf das deutsche Volk ganz entbehren können und die wir da immer genommen haben. Wir sprechen von der Härte des Kampfes und von weiter gar nichts. Von irgendeiner Wendung, die da wirklich oder angeblich an einzelnen Punkten eingetreten sei oder eingetreten ist, nehmen wir keine Kenntnis.

 

Sprecher:

Fritzsche pflegte einen kollegialen, am Alltag in normalen Redaktionen orientierten Führungsstil. Jenseits der bindenden Tagesparole befahl er nicht, sondern übermittelte „Wünsche von Dr. Goebbels“, er machte Vorschläge und wog Dinge ab. Wie dies zu verstehen war, wusste allerdings jeder. Als Fritzsche sein Amt antrat, war es bereits schwierig geworden, den täglichen Sendebetrieb aufrecht zu erhalten. Ständig wurde das Programm unterbrochen.

 

O-Ton:

Der Reichssender Frankfurt schaltet wegen Annäherung feindlicher Flugzeuge ab. Wir bitten unsere Hörer, ihr Empfangsgerät auf einen anderen deutschen Sender einzustellen.

 

Sprecher:

Den herankommenden Bombern der Alliierten dienten aktive Sender als Peilstationen. Das führte bei der Annäherung feindlicher Flugzeuge zur Abschaltung ganzer Senderketten. Waren etwa Bomber aus westlicher Richtung im Anflug, wurden gestaffelt die Sender Köln, Hamburg, Frankfurt und Stuttgart abgeschaltet. Deren Zuhörer mussten dann zum Beispiel auf den Reichssender Breslau wechseln, der auch im Westen zu empfangen war – allerdings nur sehr schwach und immer häufiger durch sogenannte "Feindeinsprüche" überlagert .

 

O-Ton:

Musik mit Feindeinsprüchen / Die Ostfront ist die Leichenwiese für die Hitlerarmee / Aus Russland kommt niemand mehr zurück / Hunderttausende unserer Soldaten erfrieren / Sie haben nichts zum Fressen / Jeden Tag sinken Zehntausende ins Massengrab.

 

O-Ton: (Diller)

Das war eine Spezialität, die die Russen erfunden haben, und zwar hat sich da ein Sender mit seiner Frequenz auf eine Frequenz eines Reichssenders gelegt und hat dann in Pausen von Nachrichten Parolen gegen Hitler, gegen die Nazibande in den Äther hineingestrahlt, und das war natürlich für die deutschen Propagandisten ein Problem, sie haben dann zum Beispiel Nachrichtensprecher veranlasst, die Nachrichten schneller zu sprechen, um keinerlei Pausen zum Hineinsprechen übrig zu lassen.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Dann hat sich also die Störung, die wir auf den übrigen Reichssendern losgeworden sind, durch die bolschewistischen Einsprüche besonders unangenehm ausgewirkt auf den Breslauer Sender, und es wird nun, das ist für mich ganz interessant, der Vorschlag gemacht: Die Störung des Breslauer Senders während der Abendnachrichten um 20 und 22 Uhr hält weiter an, die bis vor kurzem während der Nachrichtenübertragung gesendete Marschmusik war das einzig wirksame Mittel gegen die Zwischenrufe des sowjetischen Störsenders. Es wird dringend empfohlen, die Wiedereinführung der Marschmusik zu veranlassen.

 

Sprecher:

Schon 1940 hatte der Propagandaminister den Rundfunk wortwörtlich gleichgeschaltet: Gab es im Sommer 1939 noch zwölf eigenständige Programme, waren es 1943 nur noch anderthalb. Die früheren Reichssender waren entweder geschlossen, zu Relaisstationen degradiert oder fungierten bestenfalls noch als Zulieferer für die Berliner Zentrale. Nur in den Abendstunden strahlte der Deutschlandsender in Königswusterhausen ein zweites alternatives Programm aus.

 


Zitator:

Reichsprogramm:

8.00 - 8.30 Uhr                     Orgelwerke von Buxtehude und Bach

9.00 - 10.00 Uhr                   Unser Schatzkästlein

10.15 – 11.00 Uhr                Bekannte Kapellen

11.00 - 11.30 Uhr                 Deutsche Jugend singt

11.30 - 12.30 Uhr                 Beschwingtes Konzert

12.40 - 14.00            Uhr                 Das deutsche Volkskonzert

14.15 - 15.00 Uhr                 Bunte Melodien aus Hamburg

15.00 - 15.30 Uhr                 Suite für Geige und Klavier von Reger

 

Sprecher:

So wies der Völkische Beobachter das Sonntagsprogramm des 7. November 1943 aus.

 

O-Ton: (Diller)

Es gab natürlich die feststehenden Nachrichtentermine, wie das heutzutage im Programm ja auch der Fall ist: 7 Uhr, 8 Uhr- Nachrichten, 10 Uhr, 12 Uhr, 1 Uhr, 15, 18 Uhr, 20 Uhr, 22 Uhr, und dazwischen gab es jeweils immer den Wehrmachtsbericht, die Berichte der Propagandakompanien und jede Menge Musik, hauptsächlich Unterhaltungsmusik, um eben die Bevölkerung von den Unbillen des Alltags abzulenken und sie nicht dauernd mit dem Krieg zu konfrontieren.

 

Sprecher:

Dreimal wöchentlich war zudem Fritzsches „Politische Zeitungs- und Rundfunkschau“ und jeden Abend von 18.30 –19.00 Uhr der "Zeitspiegel" zu hören, ein aktuelles Magazin mit Beiträgen aus Politik, Wissenschaft und Kultur. Für den Zeitspiegel vom 7. November 1943 hatte man sich etwas Besonderes ausgedacht: eine Schaltsendung, an der sich verschiedene Gaue beteiligen sollten. Stattdessen war aus den Volksempfängern zu jener Stunde jedoch etwas ganz anderes zu vernehmen:

 

O-Ton: (Beitrag Atomzertrümmerung)

Man kann heute Gold machen, doch man will es gar nicht mehr. Das Zauberwort hieß Gold: Die Tatsache heißt Atomzertrümmerung. Und das ist unendlich viel mehr. Das heißt Verwandlung der Elemente und Gewinnung unvorstellbarer Energien. Wie geht das nun vor sich?

 

O-Ton: (Scharping)

Ein Zeitspiegel wie vorigen Sonntag darf im deutschen Rundfunk, solange ich noch in dieser Abteilung bin, nicht wieder vorkommen. Das war das Jämmerlichste, was auf Gottes Erdboden existiert hat. Aus allen Gauen kriegen wir jetzt also Proteste. Wir hatten die Gaue aufgefordert, nun doch was zu bringen, sie haben es gebracht. Dass die Leitungen platzen, können wir den Leuten nicht plausibel machen. Das interessiert sie ja nicht, was die Technik macht und ob sie versagt. Was wir gesendet haben, war also dürftig bis ins Letzte.

 

Sprecher:

Karl Scharping, der Stellvertreter Fritzsches. Er leitete die Sitzungen, wenn der Chef mal nicht da war. Weil die Leitungen in die einzelnen Gaue zusammengebrochen waren, hatte die Redaktion kurzfristig drei andere, bereits aufgezeichnete Beiträge gesendet, um den halbstündigen Zeitspiegel zu füllen.

 

O-Ton: (Beitrag Atomzertrümmerung)

Dies ist die Hauptaufgabe von morgen. Die auf das praktische gerichtete Anwendung des modernen zauberlosen Tatsachenwortes Atomzertrümmerung. Wir stehen mitten in der Verwirklichung des alten magischen Traumes vom Goldmachen, der nun kein Traum mehr, doch so welterschütternd sich auswirkt, wie ihn kein Alchimist sich je erträumt hatte.

 

O-Ton: (Scharping)

Wenn solche Sachen sind, bereiten Sie einen Ausweich-Zeitspiegel von Format vor, das muss Hand und Fuß haben, sonst kann nicht die Atomzertrümmerung gleich hinter Potsdam kommen und hinter der Atomzertrümmerung dann der letzte Film. Also, das ist das Katastrophalste, was es geben kann, und ich muss sagen, es ist mir sehr peinlich, dass das gerade passiert, wo Herr Fritzsche da war. Da sagen die Leute natürlich: Na ja, der versteht es nicht besser.

 

Sprecher:

Stärker als sein Chef, der gerne über die weltpolitische Lage räsonierte, kritisierte Scharping die Rundfunkarbeit im Detail.

 

O-Ton: (Scharping)

Das muss sitzen. Sagen Sie den Leuten: kurze Sätze, Bilder prägnant, eigene Argumente überlegen, durchdacht. Es geht immer so ne Weile gut, und dann denkt wieder keiner vier Wochen daran, wenn nicht einer da ist, der ab und zu mal ein kleines Monitum da erteilt, dann schludert das wieder so hin.

 

Sprecher:

Wenn Scharping die Sitzungen leitete, war der Ton zackig. Er wirkte auf den erhalten gebliebenen Mitschnitten derber und fanatischer als der eloquente Fritzsche.

 

O-Ton: (Scharping)

Die weitere Verjudung der englischen Führung: immer ein dankbares Thema. Hier ist also ein jüdischer Großhändler in London verurteilt worden, der alle möglichen Vollmachten hatte und Bankier war, der aber nicht lesen und schreiben konnte. Eigendienst 29 von gestern.

 

Sprecher:

Die Aufforderung, den Nachweis zu erbringen, dass die Juden der Welt den Krieg aufgezwungen hätten und als Einzige von im profitierten, zieht sich wie ein roter Faden durch die Sitzungen. Während Scharping auf die Juden wetterte, präsentierte sich Fritzsche eher als feingeistiger Kenner des jüdischen Charakters.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Das ist recht interessant. Die jüdische Umorientierung angesichts des ja in Moskau recht deutlich gewordenen politischen Übergewichts der Bolschewisten in der feindlichen Koalition. Wie ein Seismograph hat also nun, nicht wahr, das Judentum gezeichnet auf diese gewisse Kräfteverschiebung. Und es ist schon ganz amüsant, dass die Juden nicht mehr in England, nicht mehr in Washington, sondern in Moskau die Errichtung des jüdischen Staates im Mittelmeerraum fordern. Wir können die entsprechenden Folgerungen daraus ziehen. Transocean von gestern, 42 und 74.

 

Sprecher:

Nie wurde wörtlich diktiert, was zu berichten oder wie zu kommentieren war. Die Tagesparole gab die Themen vor. Im Anschluss daran folgte eine mehr oder weniger deutliche Einschätzung der Lage - und der Verweis auf das Agenturmaterial, das bei der Bearbeitung des Themas zu benutzen war.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Meine Herren, dazu Lagebericht von heute 1. und 2. Dann Transocean von gestern 26, 42, 59. Auslandsagenturen von gestern 15. Letzte Rundfunkmeldungen Nummer eins.

 

Sprecher:

Durch die Vorgabe des Materials konnte auch ohne direkte Formulierungsvorgaben sichergestellt werden, dass eine einheitliche Linie verfolgt wurde. Englische und amerikanische Agenturmeldungen, die Anfang November 43 großflächige Bombardements der deutschen Hauptstadt ankündigten, waren zum Beispiel tabu. Scharping am 13. November 1943:

 

O-Ton: (Scharping)

Auf das Geschwätz von einem drohenden Großangriff auf Berlin und die im nächsten Jahr zu erwartende volle Schlagkraft der feindlichen Luftwaffe lassen wir uns nicht ein.

 

O-Ton: Meldung

Gefechtsstand Berlin. Die Anflüge feindlicher Kampfverbände aus Nordwest halten an. Die Spitzen der Feindflugzeuge haben im Raum Stendhal Kurs Ost genommen. Deshalb wird für Berlin Fliegeralarm gegeben. Berlin kommt wieder.

 

Sprecher:
Fünf Tage später flog die britische Luftwaffe, wie angekündigt, den ersten von fünf schweren Luftangriffen auf Berlin. Jetzt konnte auch der Rundfunk die Bomber nicht mehr ignorieren.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Ich stelle hier fest, dass das Funkhaus jetzt natürlich total ausgefallen ist und dass wir kaum noch ein Interesse daran haben, diese Funkhaus wieder herzustellen. Ich meine, in diesem Trümmerhaufen sich noch weiter abzumühen, hat ja tatsächlich keinen Zweck. Das Funkhaus jedenfalls ist nicht mehr der Kernpunkt des deutschen Rundfunks, also das ist nun mal klar. Die Rundfunkparole:

 

Sprecher:

Hans Fritzsche auf der Rundfunkarbeitsbesprechung vom 11. Dezember 1943. Der Krieg, der sich Anfang des Jahres noch vor allem an fernen Fronten abgespielt hatte, war endgültig ins Reich gekommen. Deshalb sollte nach dem Willen des Propagandaministeriums der Advent ausfallen – zumindest im Rundfunk.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Wir wollen von Weihnachten vorher nur sehr wenig reden. Ich habe ja am Sonnabend gerade einmal von Weihnachten gesprochen, aber in einem ganz bestimmten Sinn, nicht in dem Sinn, nun eine vorweihnachtliche Stimmung zu erzeugen, sondern in dem Sinn, dass man das Wort einmal ausspricht, den Begriff, um zu erklären, dass man vor ihm keine Scheu hat und sich nicht fürchtet, nicht wahr, dass da besondere krisenhafte Probleme erwachsen oder so etwas ähnliches. Im übrigen aber ist nur Weihnachten selbst für uns Weihnachten und nicht in der Zeit vorher.

 

Sprecher:

Die Vorbereitungen zur Weihnachtsringsendung, während der, wie im Jahr zuvor, wieder zur Front geschaltet werden sollte, waren bereits in vollem Gange. Goebbels hatte allerdings noch einen Sonderwunsch angemeldet.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Der Minister will nun, genau wie in den vorigen Jahren, am Ende der Ringsendung sprechen, das wäre also am 24. um 21 Uhr. Am Abschluss dieser seiner Rede soll nun wieder das Lied „Die hohe Nacht der klaren Sterne“ gebracht werden. Es soll dann - und das müssten Sie nun veranlassen - von diesem Lied eine neue Fassung hergestellt werden, eine besonders große, eindrucksvolle Fassung. Da müssten also Massenchöre, große Orchester und so etwas aufgeboten werden. Das muss nun ein ganz pompöse Fassung werden. Wir hatten ja nun schon eine große Fassung dieses Liedes, die haben wir im vorigen Jahr... (MITARBEITER FÄLLT INS WORT „Dreimal schon geschehen“)

 

Sprecher:

Ein Mitarbeiter gibt zu bedenken, dass man im Laufe der letzen Jahre bereits drei Fassungen angefertigt habe – eine pompöser als die andere. Doch Fritzsche bleibt unbeeindruckt - eine Situation, in der er sich gänzlich als "Durchsteller" für seinen Minister demaskiert. 

 

O-Ton: (Fritzsche)

Na ja, es muss jetzt also eine ganz besonders zelebrale große Fassung neu geschaffen werden.


Musik - Lied „Hohe Nacht der klaren Sterne“

 

O-Ton (Goebbels)

Überall im Reich und kreuz und quer durch ganz Europa bis auf die fernsten Inseln der Ägäis klingen an diesem Abend die alten deutschen Weihnachtslieder zum Nachthimmel empor. Wir Volk der Deutschen sind in diesem schweren Krieg um unser Dasein hart und unsentimental geworden. Aber die Poesie des Lebens, die nirgendwo so schön und wärmend in Erscheinung tritt wie beim Weihnachtsfest, ist uns dabei gottlob nicht verloren gegangen. In dieser Stunde steigt sie wieder aus den tiefsten Tiefen unserer Volksseele herauf.

 

Sprecher:

Die Bilanz, die nach den Weihnachtsfeiertagen am 27. Dezember 1943 gezogen wurde, fiel ambivalent aus.



O-Ton: (Fritzsche)

Nein, es ist wohl doch noch nicht der Ton gefunden worden, der also, ohne sentimental zu klingen, dann doch gewisse seelische Kräfte frei macht, die an diesem Tage nach Befreiung drängen, und wenn sie nicht befreit werden, irgendwo anders hin explodieren.

 

Sprecher:

Das deutsche Weihnachtslied sei, so Fritzsche, insgesamt unterschätzt.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Heute ist eines der ganz großen Aktiva, die wir in der Welt besitzen, das deutsche Weihnachtslied. Wir haben überhaupt dem Weihnachtsfest diesen ganzen Kern und diesen ganzen Inhalt gegeben, den es heute für die Welt hat. Noch heute ist also das deutsche Weihnachtslied irgendwie doch ein durchschlagendes kulturelles Geschoss. Ein durchschlagendes Geschoss, das also selbst Panzer bricht, aber wir haben aus irgendwelchen Gründen den Spaß daran verloren, und wir schießen nicht mehr mit ihm.

 

Sprecher:

Das folgende Kriegsjahr 1944 stand seitens der deutschen Propaganda im Zeichen ganz anderer durchschlagender Geschosse.

 

O-Ton: (Meldung)

Zum Auftakt der Vergeltung das Führerhauptquartier: Südengland und das Stadtgebiet von London wurden in der vergangenen Nacht und heute Vormittag mit neuartigen Sprengkörpern schwersten Kalibers belegt. Hans Fritzsche sagte heute Abend im Großdeutschen Rundfunk: Das Deutsche Volk verfolgt nun mit tiefster Spannung den Ablauf einer Aktion, für die es seit langem gearbeitet hat, auf die es seit langem hoffte und die es gerade in den Tagen des Beginns der feindlichen Invasion erwartete. Mancher in Deutschland mag in den harten Monaten der Prüfung ungeduldig gewesen sein, aber die deutsche Führung hat sich in ihren Entschlüssen noch niemals von Gesichtspunkten des Missvergnügens oder des Prestiges leiten lassen, sondern sie hat immer nach den Gesetzen der Zweckmäßigkeit gehandelt.

Sprecher:

Die Deutschen schossen die ersten Raketen auf England ab. Mit der V1 war eine der Wunderwaffen, deren Entwicklung stets geheimnisvoll angedeutet wurde, jetzt verfügbar. Intern warnte Fritzsche zwar vor einer Überbewertung der neuen Waffe, dennoch besserte sich die Stimmung auf den Sitzungen in diesen Wochen – erst recht, als Mitte September 1944 der alliierte Versuch, 10.000 Fallschirmjäger im holländischen Arnheim abzusetzen, in einem Desaster endete.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Also meine Herren, die Rundfunkparole. Erstens: Über die Operationen gegen die in Holland gelandeten britisch-amerikanischen Luftlandetruppen berichten wir nur nach amtlichen deutschen Meldungen. Der Feind versucht durch eine Nachrichtensperre und durch Falschmeldungen, uns zu eingehenderen Angaben über das Schicksal seiner zum Teil aufgesplitterten Kräfte zu veranlassen.

 

Sprecher:

Den Begriff „Wendung“ in der Berichterstattung zu benutzen, war allerdings ausdrücklich verboten. Einige Tage später erklärte Fritzsche genauer, wie zu berichten sei.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Wenn ein kluger Nachrichtenformulierer oder ein kluger Kommentator die Dinge bei Arnheim so schildert, dass eben der Hörer die unausgesprochene Folgerung selbst zieht, es ist die Wendung, dann ist es richtig, aber nicht so plump aufs Butterbrot streichen. Und in diesem Sinne, wie gesagt, kann schon von diesem Comeback, das Arnheim für den deutschen Soldaten bedeutet, gesprochen werden.

 

Sprecher:

Das „Comeback“ des deutschen Soldaten währte nur kurz, wenige Wochen später musste er von völligen „Newcomern“ unterstützt werden.



O-Ton: (Volkssturm)

Die Angehörigen des deutschen Volkssturmes sind während ihres Einsatzes Soldaten im Sinne des Wehrgesetzes. Der Dienst im deutschen Volkssturm geht jedem Dienst in anderen Organisationen vor.

 

Sprecher:

18. November 1944. Bei einer Kundgebung der NSDAP in Insterburg liest ein Sprecher Hitlers Erlass zur Gründung eines Volkssturmes vor. Im Propagandaministerium wusste man bereits seit Ende September über die Pläne Bescheid.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Der deutsche Mensch und das deutsche Land eignen sich nicht für eine Partisanentätigkeit etwa nach dem Muster der Partisanen der slawischen Völker. Jeder, der etwas vom deutschen Volkscharakter begriffen hat, weiß, dass das irgendwie organisiert werden muss und dass irgendwie auch der in diesem Kampf tätige Zivilist Angehöriger der Wehrmacht werden muss, Angehöriger einer Organisation, die zum Kämpfen befugt ist. Wenn er auch keine Uniform anzieht, muss er doch wenigstens eine Armbinde bekommen.

 

O-Ton: (Hitler)
Zur Jahreswende spricht der Führer aus einem Hauptquartier zum deutschen Volk: Deutsches Volk, Nationalsozialisten, Nationalsozialistinnen, meine Volksgenossen. Nur der Jahrewechsel veranlasst mich heute, zu Ihnen, meine deutschen Volksgenossen und Volksgenossinnen, zu sprechen. Die Zeit hat von mir mehr als Reden gefordert.

 

Sprecher:

Das militärisch desaströse Jahr 1944 endete für den "Großdeutschen Rundfunk" mit einer propagandistische Schlappe: Feindeinsprüche in der Führerrede zum Jahreswechsel.




O-Ton: (Hitler)

In dieser Stunde will ich daher als Sprecher Großdeutschlands gegenüber dem Allmächtigen das feierliche Gelöbnis ablegen, dass wir treu und unerschütterlich unsere Pflicht auch im neuen Jahr erfüllen werden, des felsenfesten Glaubens, dass die Stunde kommt, in der sich der Sieg endgültig dem zuneigen wird, der seiner am würdigsten ist, dem großdeutschen Reiche. (Feindeinsprüche / Nationalhymne)

 

O-Ton: (Fritzsche)

Also meine Herren, heute die Tagesparole ...

 

Sprecher:

Business as usual im Propagandaministerium. Fritzsche gibt die Anweisungen für den 11. Januar 1945.

 

O-Ton (Fritzsche)

Punkt 1: Da nehmen wir den alten Punkt 3 von Seite 4. Erstens: Die Gräuelhetze des Feindes hat sich in letzter Zeit erheblich verstärkt. Alle Rundfunkdienste haben deshalb die Aufgabe, dem entgegenzutreten.

 

Sprecher:

Bis in die Endphase des Krieges hinein wurden die Arbeitsbesprechungen täglich durchgeführt. Zwar ließ sich der Rundfunkbetrieb immer schwerer aufrecht erhalten, doch Programm wurde bis zum bitteren Ende gemacht. Es wurde eine kleine Welt, die man auf den täglichen Sitzungen verhandelte. Man orderte keine riesigen Orchester mehr oder organisierte europaweite Schaltsendungen, sondern widmete sich alltäglicheren Problemen.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Dann war heute Vormittag noch eine andere besonders schöne Sendung, nämlich eine Beantwortung der Frage: Was isst man in anderen Gauen? Da hörte also der Berliner unter anderem Gerichte, in denen, ich weiß nicht wie viel, Zwiebeln benutzt werden sollten, die sicher sehr gesund sind, die man aber nicht essen kann, wenn man sie nicht bekommt, und in Berlin gibt’s eben keene Zwiebeln. Also, da bitte ich auch ein bisschen Rücksicht zu nehmen auf die Empfindsamkeit der minder gut gestellten Gaue.

 

Sprecher:

Ansonsten bemühte man sich vor allem darum, das Bild eines intakten Rundfunks aufrecht zu erhalten. Die Rundfunkarbeitsbesprechung vom 14. März 1945.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Die wichtigste Aufgabe aller Nachrichtensendungen und Kommentare des deutschen Rundfunks für In- und Ausland besteht darin, durch Aufrechterhaltung völlig unveränderter Qualität und Haltung dem Gegner nicht den Anlass zu bieten, anlässlich des gestrigen Nachtangriffs von einer Desorganisierung des deutschen Rundfunks und seiner Sprachleitung zu sprechen.

 

Sprecher:

Moskitoangriffe wurden die Bombardierungen genannt, die Berlin zu dieser Zeit fast täglich trafen. Anders als bei den Flächenbombardements ging es dabei um die gezielte Zerstörung der Infrastruktur. In diesem Sinne war der Angriff, von dem Fritzsche berichtete, ein voller Erfolg der Alliierten. Goebbels notierte in sein Tagebuch.

 

Zitator:

Der Angriff dieses Abends wird für mich besonders verhängnisvoll, weil er unser Ministerium trifft. Der ganze schöne Bau an der Wilhelmstraße wird durch eine Mine völlig vernichtet. Thronsaal, Blaue Galerie und der von mir neuerbaute Theatersaal stellen ein einziges Trümmerfeld dar. Es ist jetzt auf den Tag genau zwölf Jahre, nämlich am 13. März, dass ich in dieses Ministerium als Minister Einzug gehalten habe. Ein denkbar schlechtes Omen für die kommenden zwölf Jahre.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Wenn man den Raub Europas sieht, nicht wahr, oder wenn man den Raub der Sabinerinnen nun plastisch dargestellt sieht oder Adam in voller Kraft, nicht wahr, oder Eva in der Vollendung ihrer nun im zweiten Akt vollzogenen Entstehung, dann kann man wirklich Stunden überstehen, die sonst kaum zu überstehen wären, und von allem, was da kaputt gegangen ist in der letzten Nacht, da vermisse ich, muss ich sagen, diese kleinen reizenden und plastischen Gemälde am allermeisten. Ich bin dafür, dass wir versuchen, unseren Luftschutzkeller damit auszustatten, falls das nicht gelingt, müssen wir doch zur Tagesparole schreiten.

 

Sprecher:

Es war die vorletzte Rundfunkarbeitsbesprechung, von der ein Mitschnitt existiert. Auf der letzten Sitzung am 19. März 1945 herrschte schon der Defätismus, den die Propaganda so fanatisch zu bekämpfen versuchte.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Also, meine Herren, im ersten Punkt ist die Rede vom Einsturz der Brücke bei Remagen. Das hat am Sonnabend ja schon nachmittags Reuter gemeldet. Es wäre sehr schön, wenn wir daraus nun eine nette Geschichte machen könnten, aber leider Gottes ist inzwischen ja nun auch ne Pontonbrücke gebaut worden, so dass also die Ludendorfbrücke nunmehr weiß Gott herzlich überflüssig geworden ist.

 

Sprecher:

Ob dies auch die letzte Rundfunkarbeitsbesprechung war, ist unklar. Es spricht einiges dafür, dass sie zumindest so lange stattfanden, wie Goebbels auch seine 11-Uhr-Konferenz abhielt. Diese trat das letzte Mal am 21. April zusammen. Goebbels, der dabei völlig die Fassung verlor, warf der Armee Verrat und dem deutschen Volk Schwäche vor. Seinen Mitarbeitern sagte er:

 

Zitator:

Ich habe ja niemanden gezwungen, mein Mitarbeiter zu sein, so wie wir auch das deutsche Volk nicht gezwungen haben. Es hat uns selbst beauftragt. Warum haben Sie mit mir gearbeitet? Jetzt wird Ihnen das Hälschen durchgeschnitten.

 

Sprecher:

Das Hälschen von Hans Fritzsche wurde nicht durchgeschnitten. Das Nürnberger Militärtribunal sprach ihn in allen Anklagepunkten frei. Sein Freispruch erregte in der deutschen Öffentlichkeit, die seine Reden noch gut im Ohr hatte, Empörungsstürme. Deshalb stellte ihn die bayerische Landesregierung vor eine deutsche Spruchkammer, wo er zu neun Jahren Arbeitslager verurteilt wurde. Im von Fritzsche beantragten Revisionsverfahren wurde der Spruch noch verschärft. Ihm wurde ein lebenslanges Arbeitsverbot als Rundfunkkommentator und als Redakteur auferlegt. 1950 wurde er amnestiert und arbeitete fortan als Werbetexter für ein französisches Kosmetikunternehmen. 1953 starb Hans Fritzsche an den Folgen einer Krebsoperation.

 

O-Ton: (Fritzsche)

Sonst Fragen oder Mitteilungen? Sind nicht! Dann bitte ich abzuschalten.

Absage:
Zunächst die Tagesparole
Die Rundfunkarbeitsbesprechungen des Propagandaministeriums
Ein Feature von Martin Hartwig
Sie hörten eine Produktion des Deutschlandfunks.
Es sprachen: Walter Gontermann, Rainer Delventhal und Volker Thieme
Ton und Technik: Ingeborg Kiepert und Jürgen Hille
Regie: Axel Scheibchen
Redaktion: Marcus Heumann