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Lange Nacht der Unsterblichkeit

für DLF/ DRADIO

 

 

 

           

        Zitator:

"Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus  der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut  zu essen und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen."

  Chagall,Marc Ahasver

      

Stefan Heym

Wir stürzen. Durch die Endlosigkeit des oberen Himmels, des feurigen, der aus Licht ist, aus dem gleichen Licht, von dem unsere Kleider gemacht waren, deren Glorie von uns genommen wurde, und ich sehe Lucifer in all seiner Nacktheit und in seiner Häßlichkeit, und mich schaudert.

Bereust du? Sagt er.

Nein, ich bereue nicht.

 

Zitator:

Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen, aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst Du nicht essen, denn an dem Tag, an dem du von ihm issest, musst du des Todes sterben.

 

Stefan Heym:

Schön war er, der Mensch Adam, selbst ich war von der Schönheit des Anblicks bewegt, da ich seines Angesichts Gebilde sah, wie es in herrlichem Glanz entflammt war, dann seiner Augen Licht, gleich dem der Sonne, und seines Körpers Schimmer, gleich dem des Kristalls.

 

Zitator:

Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht, aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.

 

Stefan Heym:

Dieser aber, trotz seines glatten Gesichts und seiner feinen Gliedmaßen, ist wie Ungeziefer und wird sich vermehren wie die Läuse und aus Deiner Erde einen stinkigen Sumpf machen und wird ein Spott und Hohn sein auf Dein Bild oh Herr, und Dein Gleichnis. Bestehst Du aber auf Deinem Willen, Gott, dass wir den Adam verehren und unser Knie beugen vor ihm, nun denn, so stell ich meinen Thron über des Himmels Sterne und bin selbst dem höchsten gleich. Und da diese die anderen Engel hörten, die dem Lucifer unterstanden, da weigerten auch sie sich, den Adam zu verehren.

 

Zitator:

Und zum Manne sprach er: Verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden. [Intro-Ende].

 

 

Sprecher:

Wir sterben irgendwann.

 

Kind:

Alles stirbt irgendwann!

 

Sprecher:

So genannte Eintagsfliegen tun es meist schon wenige Stunden, nachdem sie selbst aus dem Ei geschlüpft sind, die Maus tut es nach maximal 4 Jahren, der Elefant nach maximal 70. Selbst Jeanne Calmont, der bisher langlebigste Mensch, schied 1997, im Alter von 122 Jahren, schließlich doch noch aus dem Leben, und vermutlich wird sogar der mehr als 10.000 Jahre alte Schwamm, der im Eismeer der Antarktis gefunden wurde - das älteste bekannte Lebewesen der Erde - eines Tages sterben.

Kind:

Der Tod ist unvermeidliche Not.

 

Sprecher:

Der Volksmund gibt sich, was die Endlichkeit unseres Daseins angeht, zwar einsichtig, dies drückt sich in einer Unzahl von Kalendersprüchen und Poesiealbumweisheiten zum Thema aus, wirklich versöhnt hat er sich mit diesem Schicksal aber auch nicht.

 

Kind:

Alle wollen in den Himmel, aber keiner will sterben.

 

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/6/63/Cranach_Jungbrunnen.jpg/800px-Cranach_Jungbrunnen.jpg

Lucas Cranach der Ältere, Der Jungbrunnen

 

Sprecher:

Sterben zu müssen ist der Fluch, der uns am Beginn der Menschheitsgeschichte auferlegt wurde, die Strafe für Hochmut, für Sünde - für den Versuch, Gott gleich sein zu wollen.

Mochten Adam und Eva das Urteil noch für angemessen halten, schließlich haben die Beiden den Schlamassel ja auch angerichtet, die nach ihnen Geborenen waren immer unzufrieden damit. Die Vorstellung ist ja auch geradezu absurd: In jahrelanger mühevoller Arbeit werden wunderbare hochkomplexe Körper aufgebaut, damit sie dann immer schlechter funktionieren, ganz damit aufhören und sich anschließend in Nichts auflösen? Menschen machen zahllosen Erfahrungen, werden eine Person, sammeln Bildung und Kenntnisse, um am Schluss zu Staub zu werden? Alle Gefühle, die empfunden wurden, sollen nur in der Erinnerung der Menschen, die einen überleben, weiterexistieren, um schließlich gänzlich zu verschwinden?

Das ist schwer vorstellbar, offensichtlich unsinnig und im Grunde nicht akzeptabel. Und so gab es zu allen Zeiten und in allen Kulturen immer auch Menschen, die etwas Besseres als den Tod suchten, die unsterblich werden wollten. Unsterblich nicht im Sinne des großen Werkes, des ewigen Ruhmes, sondern in dem ganz konkreten Sinn, dass sie einfach nicht aufhören wollten zu leben.

Davon erzählen viele der großen Mythen der Menschheit, aber auch viele Volkserzählungen, Gerüchte, Märchen, Gruselgeschichten – und von ihnen wird in der ersten Stunde der langen Nacht berichtet werden.

 

Mit der Unsterblichkeit beschäftigen sich nicht nur Sagengestalten, mythische Helden und andere fragwürdige Figuren, sondern, wie die zweite Stunde der lange Nacht zeigen wird, auch zahlreiche Wissenschaftler - Techniker, Biologen, Mediziner.

In der letzten Stunde schließlich geht es um jene Unsterblichkeit, der der Tod voraus gegangen ist - dem ewigen Leben, das die Religionen in Aussicht stellen.

 

Musik: Who wants to live forever / Queen

 

Sprecher:

„Who wants to live forever“ - „Wer möchte schon für immer leben“ fragt Freddy Mercury, der 1991 verstorbene Sänger der Gruppe Queen. Wahrscheinlich wollen das sehr viele. Die 61jährige Psychologin Verena Kast, die viel mit todkranken und sterbenden Patienten zu tun hat, möchte es allerdings nicht - obwohl sie manchmal schon mit dem Gedanken kokettiert.

 

Verena Kast.

Das ist eine meiner leisen Trauer. Ich finde es gibt unendlich viele unheimlich schöne gute Bücher auf der Welt. Oder einfach Sätze, die einfach toll sind. Und manchmal schau ich mir so Bibliotheken an uns sage: Mit dem besten Willen könnt ich die jetzt nicht einfach auch noch lesen. Und das da beschleicht mich eine leise Wehmut, aber ich bin gar noch sicher, dass ich, wenn ich 300 Jahre hätte, dann auch noch dieses Bedürfnis hätte.

 

Sprecher:

Verena Kast ist Professorin an der Technischen Universität Zürich, Lehranalytikerin am C.-G.-Jung-Institut und Psychotherapeutin mit eigener Praxis in St Gallen. Einem breiteren Publikum wurde sie vor allem dadurch bekannt, dass sie Bücher veröffentlichte, in denen sie klassische und moderne Märchen aus psychologischer Sicht deutete.

 

Verena Kast:

Diese Märchen, das sind ja so holzschnittartige Geschichten, diese Geschichten sind in Bildern. Und wenn wir so ein Märchen hören, dann werden eigentlich die Bilder in unserer Psyche werden angeregt. Also wie man’s auch noch machen könnte. Oft haben wir ja keine Vorstellung, wie man mit einem Problem umgehen könnte und das heißt wirklich wir haben keine Vorstellung außer der Vorstellung, dass wie scheitern dran. Ich finde, das kann das Märchen. Das Märchen kann uns ausgesprochen stark auf der Ebene der Emotionen und auf der Ebene neuer Vorstellungen kann es uns ansprechen..

 

Sprecher:

Eine ganze Reihe bekannter Märchen beschäftigt sich ausdrücklich mit Tod, Sterblichkeit und Unsterblichkeit und gibt den Problemen eine ganz konkrete Vorstellung.

 

Märchenerzähler:

Das Märchen vom Gevatter Tod.

 

Verena Kast:

Im Märchen vom Gevatter Tod kommt eigentlich praktisch alles vor, was in diesen Märchen wo der Tod vorkommt, vorkommt.

 

Märchenerzähler:

Es hatte ein armer Mann zwölf Kinder und musste Tag und Nacht arbeiten, damit er ihnen nur Brot geben konnte. Als nun das dreizehnte zur Welt kam, wusste er sich seiner Not nicht zu helfen, lief hinaus auf die große Landstraße und wollte den ersten, der ihm begegnete, zum Gevatter bitten. Der erste, der ihm begegnete, das war der liebe Gott, der wusste schon, was er auf dem Herzen hatte, und sprach zu ihm 'armer Mann, du dauerst mich, ich will dein Kind aus der Taufe heben, will für es sorgen und es glücklich machen auf Erden.' Der Mann sprach 'wer bist du?' 'Ich bin der liebe Gott.' 'So begehr ich dich nicht zu Gevatter,' sagte der Mann, 'du gibst dem Reichen und lässest den Armen hungern.' Da trat der Teufel zu ihm und sprach 'willst du mich zum Paten deines Kindes nehmen, so will ich ihm Gold die Hülle und Fülle und alle Lust der Welt dazu geben.' Der Mann fragte 'wer bist du?' 'Ich bin der Teufel.' 'So begehr ich dich nicht zum Gevatter,' sprach der Mann, 'du betrügst und verführst die Menschen.' Er ging weiter, da kam der dürrbeinige Tod auf ihn zugeschritten und sprach 'nimm mich zu Gevatter.' Der Mann fragte 'wer bist du?' 'Ich bin der Tod, der alle gleich macht.' Da sprach der Mann 'du bist der rechte, du holst den Reichen wie den Armen ohne Unterschied, du sollst mein Gevattersmann sein.

 

Verena Kast:

Gott ist nicht gerecht- der gibt denen die schon haben. Der Teufel nimmt sowieso allen irgendwas weg und beim Tod da sind alle gleich. Also Sterben müssen alle. Insofern ist er eigentlich die einzig gerechte Instanz und deshalb wird er ja auch gewählt als Gevatter.

 

Märchenerzähler:

Als der Knabe zu Jahren gekommen war, trat zu einer Zeit der Pate ein und hieß ihn mitgehen. Er führte ihn hinaus in den Wald, zeigte ihm ein Kraut, das da wuchs, und sprach 'jetzt sollst du dein Patengeschenk empfangen. Ich mache dich zu einem berühmten Arzt. Wenn du zu einem Kranken gerufen wirst, so will ich dir jedesmal erscheinen: steh ich zu Häupten des Kranken, so kannst du keck sprechen, du wolltest ihn wieder gesund machen, und gibst du ihm dann von jenem Kraut ein, so wird er genesen; steh ich aber zu Füßen des Kranken, so ist er mein, und du mußt sagen, alle Hilfe sei umsonst. Aber hüte dich, dass du das Kraut nicht gegen meinen Willen gebrauchst, es könnte dir schlimm ergehen.

Es dauerte nicht lange, so war der Jüngling der berühmteste Arzt auf der ganzen Welt. 'Er braucht nur den Kranken anzusehen, so weiß er schon, wie es steht, ob er wieder gesund wird, oder ob er sterben muss,' so hieß es von ihm. Nun trug es sich zu, dass der König erkrankte: der Arzt ward berufen und sollte sagen, ob Genesung möglich wäre. Wie er aber zu dem Bette trat, so stand der Tod zu den Füßen des Kranken, und da war für ihn kein Kraut mehr gewachsen. 'Wenn ich doch einmal den Tod überlisten könnte,' dachte der Arzt, 'er wird’s freilich übel nehmen, aber da ich sein Pate bin, so drückt er wohl ein Auge zu: ich will’s wagen.'

 

Verena Kast:

Es gibt eigentlich wenige Märchen wo er als Feind auftritt. Zunächst mal wird der Tod als gerecht empfunden, als einzig gerechte Instanz.

 

Märchenerzähler:

Er faßte also den Kranken und legte ihn verkehrt, so dass der Tod zu Häupten desselben zu stehen kam. Dann gab er ihm von dem Kraute ein, und der König erholte sich und ward wieder gesund. Der Tod aber machte ein finsteres Gesicht und sagte 'du hast mich hinter das Licht geführt: diesmal will ich dirs nachsehen, weil du mein Pate bist, aber wagst du das noch einmal, so geht dirs an den Kragen, und ich nehme dich selbst mit fort.'

Bald hernach verfiel die Tochter des Königs in eine schwere Krankheit. Sie war sein einziges Kind, er weinte Tag und Nacht, dass ihm die Augen erblindeten, und ließ bekannt machen, wer sie vom Tode errettete, der sollte ihr Gemahl werden und die Krone erben. Der Arzt, als er zu dem Bette der Kranken kam, erblickte den Tod zu ihren Füßen. Er hätte sich der Warnung seines Paten erinnern sollen, aber die große Schönheit der Königstochter und das Glück, ihr Gemahl zu werden, betörten ihn so, dass er alle Gedanken in den Wind schlug. Er gab ihr das Kraut ein, und alsbald röteten sich ihre Wangen, und das Leben regte sich von neuem.

Der Tod, als er sich zum zweitenmal um sein Eigentum betrogen sah, packte den Arzt mit seiner eiskalten Hand und führte ihn in eine Höhle. Da sah er, wie tausend und tausend Lichter in unübersehbaren Reihen brannten' einige groß, andere halbgroß, andere klein.

Jeden Augenblick verloschen einige, und andere brannten wieder auf, also dass die Flämmchen in beständigem Wechsel hin- und herzuhüpfen schienen. 'Siehst du,' sprach der Tod, 'das sind die Lebenslichter der Menschen. Die großen gehören Kindern, die halbgroßen Eheleuten in ihren besten Jahren, die kleinen gehören Greisen. Doch auch Kinder und junge Leute haben oft nur ein kleines Lichtchen.' 'Zeige mir mein Lebenslicht,' sagte der Arzt und meinte, es wäre noch recht groß. Der Tod deutete auf ein kleines Endchen, das eben auszugehen drohte, und sagte 'siehst du, da ist es.' 'Ach, lieber Pate,' sagte der erschrockene Arzt, 'zündet mir ein neues an, tut mirs zuliebe, damit ich meines Lebens genießen kann, König werde und Gemahl der schönen Königstochter.' 'Ich kann nicht,' antwortete der Tod, 'erst muß eins verlöschen, eh ein neues anbrennt.' 'So setzt das alte auf ein neues, das gleich fortbrennt, wenn jenes zu Ende ist,' bat der Arzt. Der Tod stellte sich, als ob er seinen Wunsch erfüllen wollte, langte ein frisches großes Licht herbei: aber weil er sich rächen wollte, versah ers beim Umstecken absichtlich, und das Stückchen fiel um und verlosch. Alsbald sank der Arzt zu Boden, und war nun selbst in die Hand des Todes geraten.

 

Verena Kast:

Den Tod kann eben nicht überlisten, also sterben müssen Alle und deshalb kann man ihn immer nur zeitweise überlisten.

 

Sprecher:

Märchen wie das vom Gevatter Tod als Lehre begreifend, schlägt Verena Kast vor, sich besser gleich mit dem Tod zu arrangieren.

 

Verena Kast:

Es ist einfach ein Faktum. Es gibt Faktizitäten im Leben und das ist ganz gut sich mit den Faktizitäten abzufinden

 

Sprecher:

Das ist vermutlich weise und wird in Ermangelung an Alternativen ja auch gemacht. Die großen Helden der Menschheit haben das allerdings nicht getan, auch wenn es einigen nicht sehr gut bekommen ist. Sisyphos war es ja gelungen, den Todesgott Thanatos im Ringkampf zu bezwingen und ihm Fesseln anzulegen, woraufhin dann niemand mehr starb. Es gelang ihm mit einem Trick sogar noch, wieder aus der Unterwelt heraus zu kommen. Am Schluss hatte er gegen den geballten Zorn der Götter jedoch keine Chance und erhielt die berühmte entsetzliche Strafe:

 

Verena Kast:

Da ist ja das, was wir unter Sisyphosarbeit verstehen, also den Stein den Berg hinaufwälzen und hoffen, dass er mal über den Berg geht, aber er geht eben nie sondern kommt immer wieder zurück. Da ist für mich auch so etwas. Wenn man unsterblich ist, dann muss man auch immer wieder den Stein wälzen.

 

Sprecher:

Odysseus war ebenso klug und listenreich wie Sisyphos und dazu noch etwas weiser, denn er wollte die ihm von der Nymphe Calypso angebotene Unsterblichkeit nicht und entschied sich stattdessen dafür, zu seiner Frau Penelope heim zu fahren.

Nur die Götter sind unsterblich, diese Botschaft zieht sich durch alle Geschichten der Antike. Der Mensch kann sich diesen Status höchstens mal für einen Moment ergaunern, er wird dafür aber brutal bestraft werden.

 

Musik: David Sylvian - Orpheus

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