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''Frechheit wird augenblicklich bestraft'' - Fabrikordnungen in der Industrialisierung


Langsam gleiten die Karosserien des halbfertigen Golf durch die Halle. Sie schweben an Laufschienen befestigt gut einen Meter über dem Boden - vorbei an einer Gruppe von zehn Arbeitern. So wie das Band bewegen sich auch die Arbeiter. Ohne sichtbare Eile, aber gleichmäßig verrichten sie ihre Tätigkeit, sie setzen Teile ein, stecken Kontakte, drehen Schrauben fest. Alle tragen graue Latzhosen, die aussehen, als kämen sie gerade aus der Waschmaschine. Die Montagehalle einer Fabrik am Anfang des 21. Jahrhunderts - sauber, fast steril. Es wird nicht herumgeschrieen, niemand ist betrunken und alle sind pünktlich zur Arbeit erschienen. Ein Verhalten, dass sich Unternehmer am Anfang der Industrialisierung nicht einmal erträumt hätten.

Jeder Arbeiter muss treu und unbedingt folgsam sein, sich in und außerhalb der Fabrik anständig betragen, pünktlich die Arbeitsstunden halten und durch seinen Fleiß beweisen, dass er die Absicht hat, zum Nutzen der Fabrik zu arbeiten. Wer aus Nachlässigkeit oder bösem Willen sich vergeht, wird bestraft. Branntweintrinken in der Fabrik wird nicht geduldet.

So heißt es im "Reglement für die Fabrikarbeiter" der Essener Gussstahlfabrik Friedrich Krupp aus dem Jahr 1838. In 9 Paragraphen wird hier festgelegt, was die Arbeiter tun müssen und vor allem, was sie nicht tun dürfen.

Augendiener haben bei erster Gelegenheit den Abschied zu erwarten. Frechheit wird augenblicklich bestraft.

Jede größere Fabrik legte sich in dieser Zeit eine solche Ordnung zu. Die neuen riesigen Produktionsstätten mit Hunderten von Arbeitern erforderten allgemeine und grundsätzliche Regelungen. Moderne Arbeitsordnungen formulieren Rechte und Pflichten der Beschäftigten innerhalb eines Unternehmens, definieren die Stellung des Betriebsrates, Beschwerdewege und vieles mehr. Die Fabrikordnungen aus der Frühzeit der Industrialisierung waren reine Strafkataloge mit dem einzigen Ziel, die Arbeiter so zu disziplinieren, dass die Produktion effektiv laufen konnte.

Es ist stets sorgfältig darauf Bedacht zu nehmen, dass die zweckmäßigsten Maschinen hergestellt, die möglichst vollkommene Fabrikationsmethode angewandt werde. Bei derselben muss in Verwendung der Materialien und Abfälle jedwede Verschwendung vermieden werden, keine Maschine und keine Kraft darf jemals unbeschäftigt sein, und nach beiden Seiten hin muss auch hierin erfinderische Ökonomie zur Erscheinung kommen.

Dies stand in der nunmehr 25 Punkte umfassenden Arbeitsordnung von Krupp aus dem Jahr 1872. Die Sorge, dass der kostbare Maschinenpark stillag, trieb alle Unternehmer um. Der englische Baummagnat Henry Ashwort schrieb Mitte des 19.Jahrhunderts:

Wenn ein Ackersmann seinen Spaten niederlegt, macht er für diese Periode ein Kapital von 18 Penny nutzlos. Wenn einer von unseren Leuten die Fabrik verlässt, macht er ein Kapital nutzlos, das 100.000 Pfund Sterling gekostet hat.

Die Fabrikbesitzer hatten am Anfang der Industrialisierung das Problem, dass die meisten ihrer Arbeiter noch vor kurzem "Ackersleute" waren und dementsprechend immer noch andere Prioritäten als der Unternehmer setzten. Friedrich von König, ein Würzburger Fabrikant, klagte.

An sehr vielen Wochentagen stand die Fabrik leer. In Zeiten, wo die Feldarbeit, die Arbeit für sich selbst und für die eigene Familie besonders drängte, da entliefen die Arbeiter der Fabrik, eilten aufs Feld. Wenn auch anstrengender, so war sie doch beliebter, die Feldarbeit, wo ohne Zucht und Zwang ein jeder sich frei bewegen konnte.

Auch Mitte des 19. Jahrhunderts war das Leben der Mehrzahl der Menschen noch eng an die Rhythmen der Natur gebunden. Im Jahreslauf bestimmten Saat- und Erntezeiten über die Aktivitäten. Im Tageslauf gaben die Sonne und die Bedürfnisse des Viehs den Takt vor. Zeiten intensivster Tätigkeit wechselten sich mit Phasen langer Ruhe ab. Die Maschinen in den neuen Fabriken benötigten jedoch die permanente Anwesenheit von Arbeitern.

Die Hauptschwierigkeit in der automatischen Fabrik bestand in der notwendigen Disziplin, um die Menschen auf ihre unregelmäßigen Gewohnheiten in der Arbeit verzichten zu machen und sie zu identifizieren mit der unveränderlichen Regelmäßigkeit des großen Automaten. Aber einen den Bedürfnissen und der Geschwindigkeit des automatischen Systems entsprechenden Disziplinarkodex zu erfinden und mit Erfolg auszuführen war ein Unternehmen, des Herkules würdig, das ist das edle Werk Arkwrights! Selbst heutzutage, wo das System in seiner ganzen Vollendung organisiert ist, ist es fast unmöglich, unter den Arbeitern, die das Alter der Mannbarkeit zurückgelegt haben, nützliche Gehilfen für das automatische System zu finden.

Dies schrieb der englische Ökonom Andrew Ure 1835 über den Unternehmer und Konstrukteur Richard Arkwright. Wie schwer sich die Menschen damit taten, "nützliche Gehilfen für das automatische System" zu sein, spiegelt sich in Fabrikordnungen wider.

Die Arbeitsstunden sind im Sommer von 5 Uhr Morgens bis Abends 7 Uhr, im Winter von 6 Uhr bis Abends 8 Uhr. Eine Glocke wird Morgens, eine halbe Stunde vor dem Anfange der Arbeit, die Öffnung der Fabrik ankündigen, das zweite eine halbe Stunde später erfolgende Läuten der Glocke verkündet das Beginnen der Geschäfte. Eine viertel Stunde später wird der Pförtner des Thor verschließen. Von diesem Augenblick an sollen alle Arbeiter sich an ihrer Arbeit befinden. Diejenigen, welche später kommen, werden nicht mehr eingelassen, und die Geldstrafe der Abwesenheit wird ihnen auferlegt.

So stand es in einer Fabrikordnung der Augsburger Kammgarn-Spinnerei von 1846. Die Erziehung der Arbeiter zur Pünktlichkeit war Hauptmotiv aller Fabrikordnungen dieser Zeit. Das gängige Mittel dazu waren Lohnabzüge.

Jede Abwesenheit wird mit einer Geldbuße bestraft, welche das doppelte des Lohnes beträgt, der während der Zeit der Abwesenheit verdient worden wäre.

Die Strafen der Augsburger Spinnerei waren sogar noch relativ milde. Wie drakonisch manche Unternehmer vorgingen, schildert Friedrich Engels.

Der Fall spielt in Wiltshire, Ende November 1863. Ungefähr 30 Dampfstuhlweberinnen, in der Beschäftigung eines gewissen Harrupp, Tuchfabrikant von Leower's Mill machten einen strike, weil dieser selbe Harrupp die angenehme Gewohnheit hatte, ihnen für Verspätung am Morgen Lohnabzug zu machen, und zwar 6 Pence. für 2 Minuten, 1 Schilling für 3 Minuten und 1 Schilling 6 Pence für 10 Minuten. Dies macht 4 Pfd. Sterling per Tag, während ihr Durchschnittslohn nie über 10 bis 12 Schilling. wöchentlich steigt.

Pünktlichkeit war eine der bürgerlichen Kardinaltugenden. Bei allen aufklärerischen Erziehern von Basedow bis Pestalozzi lassen sich lange Lobreden auf sie finden. Dabei ging es stets um mehr als nur das rechtzeitige Erscheinen am richtigen Ort. Man sprach von "Pünktlichkeit im Beachten der Vorschriften", von "pünktlichem Folgen" und von "pünktlicher Genauigkeit". Gemeint war eine Gründlichkeit im Nachkommen der Pflichten und Geschäfte. Diese Art von Pünktlichkeit wollten die Fabrikordnungen befördern und gingen zu immer detaillierteren Verhaltensanweisungen über:

Bestraft werden: - Unehrbietiges Verhalten gegen die Aufseher - Verhehlung von Untreue - Störung anderer Arbeiter - Das Tabakrauchen - Lärm machen auf dem Weg zu und von der Fabrik. - Verspätung und Versäumnisse, besonders der Unfug des blauen Montag.

So hieß es in der Fabrikordnung für die Mechanische Baumwoll-Spinnerei der Herrn Staub und Söhne in Altenstadt von 1853. Obwohl seit 1771 Jahren verboten, war der "blaue Montag" noch weit verbreitet - die alte Handwerkersitte, am Montag, dem Tag, an dem die Färber blau färbten, frei zu machen. Erst Ende des 19. Jahrhunderts verschwand diese Gewohnheit weitgehend. Das Ziel der Verordnungen war, möglichst jede nicht arbeitsbezogene Lebensäußerung aus der Fabrik zu verdrängen. Die Friedrich Wilhelms-Hütte in Mühlheim an der Ruhr verbot ihren Beschäftigten nahezu alles, was von der Arbeit ablenken konnte.

Während der Arbeitszeit unnütze Reden miteinander zu führen, Frühstücken oder Vor- oder Nachmittags außer der dazu bestimmten Zeit Kaffee kochen oder trinken ist bei einer Ordnungsstrafe von 2 ½ Silbergroschen untersagt.

Die Fabrikordnungen regelten und bestraften alles mögliche: die Verunreinigung von Toiletten, das ungewaschene Erscheinen am Arbeitsplatz, das Anlassen des Lichtes nach der Arbeit. Und in blumigen Worten wurden die Arbeiter zur Loyalität gegenüber der Obrigkeit im Unternehmen verpflichtet.

Für den Schutz und die väterliche Sorgfalt, welche alle Arbeiter von ihren Vorgesetzen zu erwarten haben, versprechen die ihnen Anhänglichkeit und Treue, so wie auch Anzeige dessen, was dem Nutzen ihrer Herren Schädliches entdecken könnten.

Die Anhänglichkeit der meisten Beschäftigten hielt sich in engen Grenzen. Tatsächlich fand so etwas wie ein täglicher Kleinkrieg, um die Nutzung der Arbeitszeit statt. So wurden zum Beispiel Toilettengänge so lang wie möglich ausgedehnt, bei Krupp wurde 1850 sogar eigens jemand eingestellt, der neben den Häuschen stand und kontrollierte. Maschinen wurden gereinigt, während sie noch liefen, damit man fünf Minuten eher aus der Fabrik herauskam, und der Besorgungsgang in die Werkstatt wurde für eine Zigarettenpause genutzt. Wenn diese Praktiken bekannt wurden, standen sie meist als Verbot in der novellierten Ausgabe der Fabrikordnung. Friedrich Engels schrieb zu den damaligen Zuständen in der Fabrik:

Die Sklaverei, in der die Bourgeoisie das Proletariat gefesselt hält, kommt nirgends deutlicher ans Tageslicht als im Fabriksystem. Hier hört alle Freiheit rechtlich und faktisch auf. Der Arbeiter muss morgens um halb 6 in der Fabrik sein; kommt er ein paar Minuten zu spät, so wird er gestraft, kommt er 10 Minuten zu spät, so wird er gar nicht hereingelassen, bis das Frühstück vorüber ist, und verliert einen Vierteltag am Lohn. Er muss auf Kommando essen, trinken und schlafen ... Die despotische Glocke ruft ihn vom Bette, ruft ihn vom Frühstück und Mittagstisch. Und wie geht es nun gar erst in der Fabrik? Hier ist der Fabrikant absoluter Gesetzgeber. Er erlässt Fabrikregulationen, wie er Lust hat; er ändert und macht Zusätze zu seinem Kodex, wie es ihm beliebt; und wenn er das tollste Zeug hineinsetzt, so sagen doch die Gerichte zum Arbeiter: Da ihr unter diesen Kontrakt euch freiwillig begeben habt, jetzt müsst ihr ihn auch befolgen.

Dass der Vertrag, der geschlossen wurde, auch den Unternehmer an etwas band, stand nicht in den frühen Fabrikordnungen. Eine Verpflichtung etwa, welche Löhne zu zahlen waren oder wann sie ausgezahlt werden mussten, war fast nie fixiert. Solche Klauseln hielten erst nach 1891 Einzug, als auf Grund der erstarkenden Gewerkschaftsbewegung das "Arbeiterschutzgesetz" eingeführt wurde.

Im Volkswagenwerk in Wolfsburg muss heute niemand mehr mit drakonischen Strafen dazu bewegt werden, täglich zu erscheinen. Die Arbeiter kommen von selbst. Sie sind sauber, arbeiten akkurat, fluchen wenig und prügeln sich nicht. Jeder sieht die Notwendigkeit ein, pünktlich am Arbeitsplatz zu sein, zumal man bei Verspätung den Mitgliedern der eigenen Fertigungsgruppe Mehrarbeit zumutet. Aus dem äußeren Zwang ist innere Überzeugung geworden... Oder doch nicht ganz? Es gibt jedenfalls das Phänomen, dass die Pünktlichkeit am Arbeitsplatz mit steigender Arbeitslosenzahl zunimmt.