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„Feindanalysen - Über die Deutschen“

von Herbert Marcuse

 

„Wenn wir wüßten, daß mit dem Zusammenbruch Deutschlands die >bösen Mächte< eliminiert wären, dann wäre es tatsächlich ein heller Horizont der sich vor uns abzeichnete. Aber wir wissen es besser, und alle Anstrengungen können vergebens sein, sogar für die Generationen, die noch kommen. Wie auch immer. Wunder können geschehen. So fühle ich es. Was wir hier tun können um eine halbwegs sensible Politik auf den Weg zu bringen, tun wir, und wenigstens einige Dinge scheinen in das Denken und Tun der >jeweiligen Verantwortlichen< einzudringen.“

Das schrieb Marcuse im August 1944 an Max Horkheimer über seine Tätigkeit beim Office of Strategic Servises, OSS, dem Vorläufer der CIA. Horkheimer, Leiter des seit 1934 in die USA emigrierten „Instituts für Sozialforschung, war es gewesen, der Marcuse dazu gedrängt hatte. Obwohl das Institut bereits 1931, in kluger Voraussicht der politischen Entwicklung in Deutschland, sein Kapital in die Niederlande transferierte, reichte das Geld nicht aus um die zahlreichen Wissenschaftler zu finanzieren, die sich seinem Dunstkreis bewegten und an den verschiedenen Projekten mitarbeiteten. Darüber hinaus war Horkheimer ängstlich darauf bedacht, daß das Institut keine längerfristigen Verpflichtungen einging. Das galt auch für Mitarbeiter, die zum innersten Kreis gehörten, wie Marcuse. So nahm er 1942 das finanziell attraktive Abgebot an, für die US - Regierung Expertisen über den Nationalsozialismus und die deutsche Entwicklung anzufertigen. Von 1942 bis 1950 arbeitete er erst für das „Office of War Information“, dann für das OSS und nach dem Krieg noch bis 1950 für das „State Departement“.

Was er dort konkret tat zeigen die jetzt im „zu Klampen - Verlag“ erschienen „Feindanalysen - Über die Deutschen“. Auf 150 Seiten sind 8 Aufsätze aus dem 40.000 Blatt umfassenden Nachlaß Marcuses zusammengestellt, die er in der Zeit von 1939 - 1947 geschrieben hat. Einige dieser Texte sind damit vor seinem Eintritt in den amerikanischen Staatsdienst entstanden. Sie wurden trotzdem aufgenommen, weil sie bei der Arbeit in den Organisationen eine wichtige Rolle gespielt haben und Marcuse immer wieder Bezug auf sie genommen hat. Das gilt besonders für den Aufsatz „Die neue deutsche Mentalität - Memorandum zu einer Untersuchung über die psychologischen Grundlagen des Nationalsozialismus und die Möglichkeiten ihrer Zerstörung“. Der 50seitige Aufsatz ist der Kerntext des Büchleins.

„Der Nationalsozialismus hat die Denk- und Verhaltensmuster des deutschen Volkes dermaßen verändert, daß sich die traditionellen Methoden der Gegenpropaganda und Umerziehung als unzulänglich erweisen. Die Deutschen erweisen sich gegenwärtig an gänzlich anderen Werten und Maßstäben, und sie sprechen eine Sprache, die sich von den Ausdrucksformen der westlichen Zivilisation wie auch von denen der einstigen deutschen Kultur grundlegend unterscheidet. Um eine wirksame psychologische und ideologische Offensive gegen den Nationalsozialismus lancieren zu können, müssen wir die neue Mentalität und die neue Sprache eingehend untersuchen.“

schreibt Marcuse am Anfang des 1942 entstandenen Textes. In der folgenden Untersuchung der neuen Mentalität und der neuen Sprache lassen sich schon viele Begriffe und Gedanken finden, die später als charakteristisch für Marcuse und die Frankfurter Schule gelten sollten. Er interpretiert in dem Aufsatz die Nazi - Ideologie als die umfassende Durchsetzung einer technologischen Rationalität in allen Lebensbereichen - eine Kernthese des 1964 erschienen „Eindimensionalen Menschen“, des Buches das Marcuse in den Sechzigern so populär machte.

 „Als der Nationalsozialismus die deutsche Gesellschaft durchorganisierte, um sie auf den totalen Eroberungskrieg vorzubereiten, hat er die dergestalt mobilisierte Bevölkerung mit einer Rationalität durchtränkt, die alles an den Kriterien von Effizienz, Erfolg und Nützlichkeit mißt. Der deutsche >Träumer< und Idealist ist zum brutalsten >Pragmatiker< geworden, den die Welt je gesehen hat. Er denkt in quantitativen Verhältnissen: in den Kategorien von Geschwindigkeit, Energie, Organisation und Masse.“

Das deutsche Volk hat sich, so Marcuse, nicht aus heißem irregeleiteten Glauben für die Nazis entschieden, sondern hat, eine rationale Entscheidung, Freiheit gegen Sicherheit getauscht. Für das Versprechen auf Vollbeschäftigung hat sich die Arbeiterschaft von allen sozialistischen Utopien einer besseren Welt verabschiedet und für Ordnung und Garantie des Eigentums hat das Bürgertum die Freiheitsrechte aufgegeben. Die nationalsozialistische Propaganda diskreditierte Prinzipien wie soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit und Demokratie als ideologische Manöver, die das Ringen um Geld und Macht nur verschleiern sollten. Demgegenüber nehmen die Nazis für sich in Anspruch die Welt offen als Kampfbahn zu betrachten und entsprechend zu handeln. Selbst dort, wo der Nationalsozialismus sich selbst mythisch religiöse Züge verleiht, ist er nach Marcuse in Wirklichkeit banalster Pragmatismus, der versucht selbst seine Rasseideologie noch als objektive wissenschaftliche Tatsache zu verkaufen.

Da die Nazis jede Moral in Technologie verwandelt und das Irrationale rationalisiert haben, muß dementsprechend auch die Gegenpropaganda die Sprache der Tatsachen sprechen, weil sie die einzige ist, die die Deutschen noch verstehen. Appellen an den Freiheitswillen oder die Moral räumt Marcuse wenig Erfolgschancen ein.

„Zum Glück gibt es genügend Tatsachen, die der Realität des Nationalsozialismus entgegengehalten werden können. Die Produktionskapazität und das Kriegspotential der Alliierten, ihr Lebensstandard, ihre wirksame Kontrolle der Preise und Profite, die Art und Weise, in der sie die Arbeitslosigkeit besiegt und das Wirtschaftssystem umgestaltet haben, ohne die Arbeiterbewegung zu zerschlagen - , all dies kann dem deutschen Volke auf eine Weise nahegebracht werden, die die nationalsozialistischen Errungenschaften als das zeigt, was sie wirklich sind: Verbrechen.“

Was hier etwas überrascht ist, die äußerst positive Einschätzung der Freiheiten in den westlichen Demokratien, die der spätere Marcuse mit der Kritik der Kulturindustrie revidiert. Der Aufsatz zur Neuen deutschen Mentalität bildet die Grundlage für zwei weitere Schriften zum Nationalsozialismus, die in den „Feindanalysen“ zusammengestellt sind. Sie beschäftigen sich mit der Darstellung der Nazis in der amerikanischen Öffentlichkeit. Marcuse beklagt, daß die amerikanische Presse zu sehr auf die Äußerungen von Naziführern fixiert ist - sie nach Anzeichen von Angst und Schwäche durchkämmt und ihnen damit Rationalität und Kohärenz verleiht, die sie im Deutschen nicht haben.

Er plädiert dafür den Nazi- Reden weniger Raum zu geben, die „Nazi -Häuptlinge“ nicht zu Orakeln für den Lauf der Welt zu machen. Stattdessen sollten sie mit verächtlicher Überlegenheit behandelt werden. Dies gilt besonders für einen Teil des nationalsozialistischen Deutschlands, der seiner Meinung nach in der amerikanischen Presse viel zu gut weg kommt und sogar glorifiziert wird: Die Wehrmacht, deren Generäle es mehrfach auf den Titel des Time Magazines brachten.:

„Armee und Partei sind zwei Köpfe ein und desselben Ungeheuers. In den besetzten Gebieten war die deutsche Armee in alle nur denkbaren Grausamkeiten verwickelt, hat Folter, Unterdrückung und Ausbeutung nicht nur gebilligt und initiiert, sondern sich selbst aktiv daran beteiligt. Von diesen Handlungen muß die amerikanische Bevölkerung erfahren, wenn sie sich ein vollständiges Bild von der deutschen Armee machen will.“

Die eindeutige Sprache und die konkreten Vorschläge, die Marcuse an verschiedenen Stellen macht, lassen schon hier erahnen wieso Marcuse und nicht Horkheimer/Adorno später zur Leitfigur der auf Praxis drängenden Studierenden wurde. Lesenswert ist auch ein weiterer in den Feindanalysen abgedruckter Aufsatz „Über politische und soziale Aspekte des Nationalsozialismus“. Hier versucht Marcuse aufzuzeigen, daß die Rede vom totalitären Staat der Nazis insofern falsch ist, als die Nazis den Staat wie man ihn kannte komplett aufgelöst haben. Die ganze Gesellschaft wurde im Sinne einer gnadenlosen Rationalisierung und Effektivierung umstrukturiert. Daß dabei das Individuum gänzlich ausgelöscht wurde, sei ebenfalls eine Fehlinterpretation. Vielmehr ginge es den Nazis darum ein durchaus selbstbewußtes aber völlig vereinzeltes Wesen zu schaffen, das an dem ihm zugewiesenen Platz sein „bestialisches und abstraktes Eigeninteresse“ verfolgt. Der Staat der Massen sei in Wirklichkeit ein Staat der atomisierten Individuen, die nicht mehr in der Lage sind wahre Interessengemeinschaften zu bilden.

Auch in diesem Aufsatz lassen sich vertraute Marcusesche Argumentationsmuster und Begriffe finden. So spricht er schon 1941 vom Leistungsprinzip - später ein Schlüsselbegriff der Studentenbewegung. Auch von der Gleichschaltung der Menschen durch die Monopole der Vergnügungsindustrie ist die Rede und vom Gefügigmachen der Arbeiter durch schöne Fabriken. Äußerungen, die sich teilweise fast wörtlich im „Eindimensionalen Menschen“ wiederfinden lassen.

Mit dem Aufsatz „Über soziale und politische Aspekte des Nationalsozialismus“ schließt in den „Feindanalysen“ die argumentative Auseinandersetzung mit dem Thema ab. Es folgen zwei kurze Entwürfe zu Forschungsvorhaben des Instituts, aus denen aufgrund mangelnder Gelder nichts wurde. Warum diese Schriften in die Sammlung aufgenommen wurden, ist etwas unverständlich. Trotz einiger pointierter Aussagen zur Deutschen Philosophie im zwanzigsten Jahrhundert werden hier Forschungsvorhaben nur vage umrissen. Auch wenn die Projekte hochinteressant klingen und man ihr Nicht- Zustandekommen nur bedauern kann, gehören diese Dokumente wohl eher in die hinteren Bände einer Gesamtausgabe. Anders hingegen die 1947 geschriebenen „33 Thesen zur militärischen Niederlage des Hitlerfaschismus“, der vorletzte Abschnitt der Feindanalysen. Sie zeigen sowohl den scharfen Kritiker des Sowjetmodells als auch den engagierten Sozialisten Marcuse. Die Thesen waren als internes Arbeitspapier des Instituts für Sozialforschung zur politischen und wissenschaftlichen Selbstverständigung und zur zukünftigen Ausrichtung der Institutszeitschrift gedacht. Die 33 Thesen fanden dort jedoch keinen großen Widerhall. In den USA trieb bereits der Ausschuß für unamerikanische Aktivitäten sein Unwesen, und seitens des Institutes hatte man wenig Interesse, sich öffentlich zum Sozialismus zu bekennen. Vor dem Hintergrund der Kommunistenhetze ist auch der Paukenschlag, mit dem Marcuse seine Thesen begann, zu verstehen:

„Nach der militärischen Niederlage des Hitlerfaschismus teilt sich die Welt in ein neo - faschistisches und sowjetisches Lager auf. Die noch existierenden Überreste demokratisch - liberaler Formen werden zwischen den beiden Lagern zerrieben oder von ihnen absorbiert.“

Der baldige Krieg zwischen diesen beiden Lagern sei wahrscheinlich. Dennoch müsse revolutionäre Theorie in dieser historischen Situation rücksichtslos gegen beide Systeme Stellung nehmen und die orthodox marxistische Lehre beiden gegenüber ohne Kompromiß vertreten - auch wenn es mit der Befriedung und Verbürgerlichung der Arbeiter in den kapitalistischen Ländern keinen Adressaten für diese Theorie mehr gäbe. Vage Hoffnungen setzt Marcuse in dieser Zeit allerdings noch auf die kommunistischen Parteien Westeuropas, die sich bisher dem Diktat der Sowjetunion hätten entziehen können. In These 13 erwähnt Marcuse erstmals die Rand- und Fremdgruppen in den Gesellschaften, die die volle Härte des Kapitalismus zu spüren bekommen und die in den späteren Schriften als mögliches revolutionäres Subjekt eine große Rolle spielen.

Die „Feindanalysen“ zeigen, wie Detlef Claussen in der Einleitung bemerkt, keinen neuen Marcuse. Es ist ganz im Gegenteil überraschend zu sehen, wie viele von Marcuses Gedanken, die in den späteren Werken zu einer systematischen Kritik der entwickelten kapitalistischen Gesellschaften zusammengesetzt wurden, schon in diesen Fragmenten vorliegen. Darüber hinaus zeigen sie einen frischen, unter dem Eindruck der Ereignissen stehenden, Blick auf den Nationalsozialismus als Ganzes, was in der heutigen Fülle der Detailforschung manchmal verloren geht. Das Buch endet mit einem fünfseitigen Text unter der Überschrift: „Ist eine freie Gesellschaft gegenwärtig möglich?“. Marcuse beantwortet diese Frage nicht, bekennt sich aber zu einem emphatischen universellen Freiheitsbegriff, der nicht von der Position der jeweiligen Akteure abhängig ist, sondern auf einer objektiv erkennbaren Wahrheit beruht, die freizulegen das Ziel der Theorie ist:

„Handelt es sich dabei nicht lediglich um subjektive Werturteile? Sie beruhen auf einer Annahme, die sich nie beweisen lassen wird, nämlich der, daß die Menschen frei sein sollten. Dieses >sollten ist zwar, mit positivistischen Kriterien gemessen, keine wissenschaftliche Behauptung, aber es ist die Voraussetzung allen Denkens und die Bedingung der Wissenschaft selbst.“